Montag, 3. September 2007
Immer wieder sonntags
werde ich puenktlich auf die Sekunde um 7 Uhr von einer Art Diskobeat mit
einem Hauch von Reggeaelementen, zu der entweder eine Maenner- oder
Frauenstimme singt, geweckt, die ueber einen knirschenden Lautsprecher von
einer der vielen Kirchen bis zu mir dringt. Da ist mir das Kirchengelaeut in
der Heimat schon lieber, vor allem da dies max. 5 Minuten dauert. Den
spirituellen Diskobeat hier darf ich naemlich 4 Stunden lang ertragen. Hin
und wieder wird er allerdings unterbrochen, doch um keine Stille aufkommen
zu lassen, stimmt eine Maennerstimme ein und bruellt aus voller Kehle ins
Mikro, woraufhin die Masse der Anwesenden mit Amen oder Hallelujah
zurueckbruellt. Gegen 11 Uhr nimmt dann der ganze Laerm wieder ab, doch dann
ist man natuerlich schon wach. Gluecklicherweise habe ich Ohropax dabei!
Solch ein Trubel macht aber auch neugierig, klingt es aus der Ferne doch wie
Kirmes, sodass ich mich entschloss dort einmal vorbei zu schauen. Also
fragte ich Itaffa, ob er mich nicht mal mitnehmen koenne. Mit leuchtenden
Augen sah er mich an und sagte ich solle dann am naechsten Sonntag um 6:15
bei ihm sein, damit wir nichts verpassen wuerden. Ich konnte ihn dann noch
auf 8 Uhr herunterhandeln, da ich wusste, dass der ganze Spass sowieso bis
11 Uhr dauern wuerde.
So kamen wir am naechsten Sonntag um 8:30 an der absolut ueberfuellten
Stadtkirche an. Die Menschen standen sogar noch vor der Kirche um dem Pastor
zu lauschen. Dank den ganzen Lautsprechern haetten sie dies eigentlich auch
von zu Hause aus machen koennen. Itaffa machte das gar nichts, denn in
Begleitung eines Weissen bekam er mit mir sogar noch einen Platz in der
ersten Reihe. Nun sass ich da ganz vorne, in einer Kirche in der mindestens
3 mal so viele Menschen waren wie in Deutschland am Heilig Abend und ich
hatte das Gefuehl, dass mich alle anstarrten.
Am Rednerpult stand ein Mann in den vierzigern, der keinen Talar, sondern
Turnschuhe, Jeans und eine Joggingjacke trug und mindestens eine geschlagene
Stunde auf Oromiffa abwechselnd ins Mikro sprach oder schrie. Begleitet
wurde dies lediglich vom Raunen, Schmunzeln, Weinen und Lachen der
anwesenden Kirchgaenger. Haette ich nicht hin und wieder mal ein mir
bekanntes Amen oder Hallelujah wahrgenommen, haette ich gedacht ich
waere bei einer Demonstration oder einer Gewerkschaftsveranstaltung.
Was nun den Inhalt der Predigt angeht, kann ich nicht sagen ob ich es
gutheissen kann (ich hab es ja nicht verstanden), kommen mir die Menschen
hier vor lauter Religioesitaet aber doch etwas eingeschuechtert vor.
Interessant war es aber allemal. Mir unverstaendliche Rituale wie
kollektives Zischen und Jubeln oder sich umdrehen und in Richtung Ausgang
niederknien, liessen den Gottesdienst nicht langweilig werden. Die Orgel
wurde vom Keyboard ersetzt, aber der Kinderchor war wie bei uns, nur das sie
hier immer lustig hin- und herschunkelten. So vergingen die 2 1/2 Stunden
eingentlich doch recht schnell. Am Ende war ich aber recht froh, dass es
nicht noch laenger ging. Bei all den Menschen beschlug naemlich schon immer
die Linse der Fotokamera, sodas ihr euch gut vorstellen koennt was fuer ein
Klima in der Kirche herrschte.
Fuer mich war insgesamt gesehen alles spannend, neu und interessant, doch
bin ich nun schon ein paar Tage hier und kann deshalb vielleicht auch schon
ein wenig ueber den Tellerrand gucken, sodass ich mit einer kritischen Frage
schliessen moechte:
Warum kuemmert sich eigentlich eine Gesellschaft, die aus dem tiefen Inneren
an Gott glaubt, ihn 7 mal in der Woche zu allen Tages-, Nacht- und
Mahlzeiten preist, Alkohol als Suende verdammt, nur religioese Musik
erlaubt, (in meinen Augen) so wenig um die Armen und Verstossenen, die hier
ueberall am Wegesrand herumlungern und betteln, um diejenigen, die nicht
genuegend Geld fuer ordentliche Kleidung haben und deshalb in Lumpen und
Barfuss ueber die modrigen Strassen Dembis trotten oder um die Jugend, die
vor lauter Zeit anscheinend nicht weiss, was sie damit anfangen soll?
PS.: Danke noch fuer alle Geburtstags- und Besserungswuensche!
Liebe Gruesse:
Hanno




einem Hauch von Reggeaelementen, zu der entweder eine Maenner- oder
Frauenstimme singt, geweckt, die ueber einen knirschenden Lautsprecher von
einer der vielen Kirchen bis zu mir dringt. Da ist mir das Kirchengelaeut in
der Heimat schon lieber, vor allem da dies max. 5 Minuten dauert. Den
spirituellen Diskobeat hier darf ich naemlich 4 Stunden lang ertragen. Hin
und wieder wird er allerdings unterbrochen, doch um keine Stille aufkommen
zu lassen, stimmt eine Maennerstimme ein und bruellt aus voller Kehle ins
Mikro, woraufhin die Masse der Anwesenden mit Amen oder Hallelujah
zurueckbruellt. Gegen 11 Uhr nimmt dann der ganze Laerm wieder ab, doch dann
ist man natuerlich schon wach. Gluecklicherweise habe ich Ohropax dabei!
Solch ein Trubel macht aber auch neugierig, klingt es aus der Ferne doch wie
Kirmes, sodass ich mich entschloss dort einmal vorbei zu schauen. Also
fragte ich Itaffa, ob er mich nicht mal mitnehmen koenne. Mit leuchtenden
Augen sah er mich an und sagte ich solle dann am naechsten Sonntag um 6:15
bei ihm sein, damit wir nichts verpassen wuerden. Ich konnte ihn dann noch
auf 8 Uhr herunterhandeln, da ich wusste, dass der ganze Spass sowieso bis
11 Uhr dauern wuerde.
So kamen wir am naechsten Sonntag um 8:30 an der absolut ueberfuellten
Stadtkirche an. Die Menschen standen sogar noch vor der Kirche um dem Pastor
zu lauschen. Dank den ganzen Lautsprechern haetten sie dies eigentlich auch
von zu Hause aus machen koennen. Itaffa machte das gar nichts, denn in
Begleitung eines Weissen bekam er mit mir sogar noch einen Platz in der
ersten Reihe. Nun sass ich da ganz vorne, in einer Kirche in der mindestens
3 mal so viele Menschen waren wie in Deutschland am Heilig Abend und ich
hatte das Gefuehl, dass mich alle anstarrten.
Am Rednerpult stand ein Mann in den vierzigern, der keinen Talar, sondern
Turnschuhe, Jeans und eine Joggingjacke trug und mindestens eine geschlagene
Stunde auf Oromiffa abwechselnd ins Mikro sprach oder schrie. Begleitet
wurde dies lediglich vom Raunen, Schmunzeln, Weinen und Lachen der
anwesenden Kirchgaenger. Haette ich nicht hin und wieder mal ein mir
bekanntes Amen oder Hallelujah wahrgenommen, haette ich gedacht ich
waere bei einer Demonstration oder einer Gewerkschaftsveranstaltung.
Was nun den Inhalt der Predigt angeht, kann ich nicht sagen ob ich es
gutheissen kann (ich hab es ja nicht verstanden), kommen mir die Menschen
hier vor lauter Religioesitaet aber doch etwas eingeschuechtert vor.
Interessant war es aber allemal. Mir unverstaendliche Rituale wie
kollektives Zischen und Jubeln oder sich umdrehen und in Richtung Ausgang
niederknien, liessen den Gottesdienst nicht langweilig werden. Die Orgel
wurde vom Keyboard ersetzt, aber der Kinderchor war wie bei uns, nur das sie
hier immer lustig hin- und herschunkelten. So vergingen die 2 1/2 Stunden
eingentlich doch recht schnell. Am Ende war ich aber recht froh, dass es
nicht noch laenger ging. Bei all den Menschen beschlug naemlich schon immer
die Linse der Fotokamera, sodas ihr euch gut vorstellen koennt was fuer ein
Klima in der Kirche herrschte.
Fuer mich war insgesamt gesehen alles spannend, neu und interessant, doch
bin ich nun schon ein paar Tage hier und kann deshalb vielleicht auch schon
ein wenig ueber den Tellerrand gucken, sodass ich mit einer kritischen Frage
schliessen moechte:
Warum kuemmert sich eigentlich eine Gesellschaft, die aus dem tiefen Inneren
an Gott glaubt, ihn 7 mal in der Woche zu allen Tages-, Nacht- und
Mahlzeiten preist, Alkohol als Suende verdammt, nur religioese Musik
erlaubt, (in meinen Augen) so wenig um die Armen und Verstossenen, die hier
ueberall am Wegesrand herumlungern und betteln, um diejenigen, die nicht
genuegend Geld fuer ordentliche Kleidung haben und deshalb in Lumpen und
Barfuss ueber die modrigen Strassen Dembis trotten oder um die Jugend, die
vor lauter Zeit anscheinend nicht weiss, was sie damit anfangen soll?
PS.: Danke noch fuer alle Geburtstags- und Besserungswuensche!
Liebe Gruesse:
Hanno
Kommentare:
<< Startseite
Hallo Hanno,
es ist wirklich sehr spannend soviel aus deinem Alltag mitzubekommen. Ich bin begeistert, auch wenn mich deine Berichte doch ein wenig erschüttern. Habenwir doch hier mit so ganz anderen und vergleichsweise geringeren Problemen zu kämpfen! Naja?
Ich hoffe du bekommst bzw. behältst deine Gesundheit im Griff, das wünsche ich dir jedenfalls sehr!
Wir denken hier an dich, und freuen uns schon jetzt bald was neues von dir zu lesen. Also viele liebe Grüße aus Magdeburg!
Herr Fromm, ihre Ausarbeitungen scheinen mir mindestens ein befriedigend verdient zu haben! Machen sie weiter so!
Alles Gute also und bis denne!
Matze Ko.
es ist wirklich sehr spannend soviel aus deinem Alltag mitzubekommen. Ich bin begeistert, auch wenn mich deine Berichte doch ein wenig erschüttern. Habenwir doch hier mit so ganz anderen und vergleichsweise geringeren Problemen zu kämpfen! Naja?
Ich hoffe du bekommst bzw. behältst deine Gesundheit im Griff, das wünsche ich dir jedenfalls sehr!
Wir denken hier an dich, und freuen uns schon jetzt bald was neues von dir zu lesen. Also viele liebe Grüße aus Magdeburg!
Herr Fromm, ihre Ausarbeitungen scheinen mir mindestens ein befriedigend verdient zu haben! Machen sie weiter so!
Alles Gute also und bis denne!
Matze Ko.
Sehr interessant, der Kirchenbericht. Das ist ja ähnlich wie in Kapstadt, weißte noch, wo wir in dem Slum waren?
Anyways, deine Frage betreffend, eine Antwort kann es da nicht geben, nur den Hinweis, dass m.E. diese Verhältnisse auf die gesamte Menschheit extrapolierbar sind und insofern vielleicht unter "Altruismus", sei es gegenüber der eigenen sozialen Schicht, subsumiert werden können. Oder einer Form von Psychohygiene: Kollektive Paranoia...
Armut sieht überall gleich aus.
Is igel, schöner Einblick durch dein Blog! Ist ja bald wieder Sonntag ;-P
Don Pimp.
Anyways, deine Frage betreffend, eine Antwort kann es da nicht geben, nur den Hinweis, dass m.E. diese Verhältnisse auf die gesamte Menschheit extrapolierbar sind und insofern vielleicht unter "Altruismus", sei es gegenüber der eigenen sozialen Schicht, subsumiert werden können. Oder einer Form von Psychohygiene: Kollektive Paranoia...
Armut sieht überall gleich aus.
Is igel, schöner Einblick durch dein Blog! Ist ja bald wieder Sonntag ;-P
Don Pimp.
Hallo Hanno,
bin ein begeisterter Fan Deiner Berichte. :-)))
Der Unterschied ist schon ganz schön krass... Sitze doch hier in München in einem tollen Büro, Hotel usw... Das volle Programm.
Beneide Dich ein wenig und bin dann doch froh das ich die Gerüche nicht ertragen muss. Ich finde ja schon den Geruch der Stadt im allg. schrecklich. Aber auf dem Markt möchte ich nicht gewesen sein. Nur gucken und nicht riechen... Sieh zu das Du die Floehe los wirst. Die können einem das Leben auch zur Hölle machen. Grüß all die vielen Leute und viel Spaß noch. Vor allem Gute Besserung.
Gibt es denn besondere Projekte, für die Unterstützung der Menschen, ausser das was man immer in den Medien sieht?
Liebe Grüße Dorothee
Bin im November zur Zeugnisübergabe bei Jule eingeladen. :-))) Bin schon ganz aufgeregt. Dabei kann ich mich ja ganz entspannt zurück legen.
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bin ein begeisterter Fan Deiner Berichte. :-)))
Der Unterschied ist schon ganz schön krass... Sitze doch hier in München in einem tollen Büro, Hotel usw... Das volle Programm.
Beneide Dich ein wenig und bin dann doch froh das ich die Gerüche nicht ertragen muss. Ich finde ja schon den Geruch der Stadt im allg. schrecklich. Aber auf dem Markt möchte ich nicht gewesen sein. Nur gucken und nicht riechen... Sieh zu das Du die Floehe los wirst. Die können einem das Leben auch zur Hölle machen. Grüß all die vielen Leute und viel Spaß noch. Vor allem Gute Besserung.
Gibt es denn besondere Projekte, für die Unterstützung der Menschen, ausser das was man immer in den Medien sieht?
Liebe Grüße Dorothee
Bin im November zur Zeugnisübergabe bei Jule eingeladen. :-))) Bin schon ganz aufgeregt. Dabei kann ich mich ja ganz entspannt zurück legen.
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