Samstag, 29. Dezember 2007

 

Resümee

Nachdem der ganze „Bewerbungsstress“ der vergangenen Tage erst einmal vorüber ist (er kommt aber bestimmt wieder, denn bisher ist noch nichts genaues geklärt), ist es nun an der Zeit die Gedanken noch einmal schweifen zu lassen und eine Art Abschlussbericht zu verfassen.
Nun ist es mir auch möglich kritischere Themen anzusprechen, womit ich auch beginnen möchte. (Achtung: Ich möchte hier nichts pauschalisieren, sondern eher berichten wie ich es persönlich erlebt und gefühlt habe!) Habe ich zuvor schon einige soziale Probleme innerhalb Äthiopiens erwähnt, habe ich allerdings Themen wie die Beschneidung der Frau oder Kinderarbeit bisher ausgespart. Auch wenn ich nicht unbedingt mit dem Thema der weiblichen Beschneidung konfrontiert wurde (so etwas hängt man ja auch nicht unbedingt an die große Glocke - was schon allein sehr verdächtig ist!!), mahnte jedoch in der Innenstadt Dembis ein großes Plakat dagegen.
Werbung allein und ohne wirkliche Aufklärung wird aber wohl kaum eine Veränderung bringen. Aus Gesprächen erfuhr ich zudem, dass die inoffizielle Quote der weiblichen Beschneidung in Dembi Dollo wohl bei etwa 95 Prozent liegt, was mich noch mehr erschüttert hat. In Deutschland erscheint dieses Problem sehr weit weg von einem, in Dembi mahnte das Plakat aber bei jedem Stadtbesuch und brachte mich auch zum nachdenken. Bei einer Quote von 95 Prozent fragt man sich allerdings, ob der Rest der Gesellschaft über dieses Problem nicht nachdenkt, blind durch die Stadt läuft und auch die Augen vor den physischen und psychischen Qualen der Mädchen verschließt.
Genauso sieht es auch mit der Kinderarbeit sowie der Frauenarbeit unter ungerechten Bedingungen aus. Obwohl auch hier Plakate diesen Missstand anprangern (wahrscheinlich eine Initiative die von ausländischen Geldgebern ins Leben gerufen wurde), sieht das Straßenbild genauso aus wie die Szene auf dem Plakat.


Die Männer stehen größtenteils am Straßenrand herum und plaudern oder treiben Lastesel vor sich her. Die Frauen sowie die Mädchen hingegen tragen unvorstellbare Lasten, zumeist Feuerholz oder Wasser, auf dem Rücken. Aus diesem Grund hatte ich hauptsächlich Jungen in den zusätzlichen Kursen die ich angeboten habe.


Die Mädchen mussten nämlich nach der Schule im Haushalt helfen oder mit im Kirchenchor singen. Die Geschlechterquote in der Schule hat sich aber zumindest in den letzten Jahren auf 50 zu 50 entwickelt. Trotzdem sind die Mädchen auf Grund der gegebenen Gesellschaftsstrukturen sehr benachteiligt, da es sich insgesamt gesehen um eine männlich dominierte Gesellschaft und um ein patriarchalisch orientiertes Familiensystem handelt. Der Familienname ist immer der des Mannes. Daran wird sich wahrscheinlich auch in den nächsten Jahren nichts ändern.


HIV/ Aids ist auch ein großes Problem, doch auch hier scheint es neben den üblichen Plakaten keine wirkliche Aufklärung zu geben. Heißt es doch hin und wieder noch, dass HIV/ Aids eine Strafe Gottes ist und hauptsächlich Schwule und Frauen trifft. In den Englischbüchern wird das Thema teilweise bereits in der fünften Klasse thematisiert. Da diese allerdings im Ausland entwickelt wurden und mit einem gewissen „Obolus“ verbunden sind, ist die Motivation dieses wirklich und ernsthaft zu behandeln bei den Lehrern wohl nicht allzu hoch. Zudem sollte dies eigentlich auch in ihrer Sprache geschehen, sodass alle es verstehen. Wie viele Schüler hatte ich, die nicht ein einziges Wort Englisch verstanden haben.



Bildgalerie I - Baustelle und Armut in Dembi und Addis:


Da sind wir auch schon beim nächsten Problem, welches mich selber betroffen hat. Die katastrophalen Bedingungen in der Schule (auch an einer Privatschule), sind meiner Meinung nach größtenteils hausgemacht. Die überfüllten Klassen könnten durch Extraarbeit der Lehrer umgangen werden, doch da viele sowieso nicht unbedingt an der Arbeit interessiert sind, fällt diese Idee flach und offenbart gleich ein neues, nämlich die Motivation und den Arbeitseifer einiger Lehrer. Zudem müssten auch die Strukturen verändert werden, da ich die Schüler schon verstehen kann, wenn sie nach 80 Minuten Dauerunterricht ohne Pause ein wenig am ‚Rad drehen’. Hier müsste einfach ein anderes Pausen- und Stundensystem eingeführt werden, um die Schüler, genauso wie die Lehrer, ein wenig zu entlasten. Ganz zu schweigen von dem psychischen Druck den ein Lehrer mit einem Stock in der Hand auf einen Schüler ausüben kann. Unter Druck und Zwang lernt es sich recht schlecht und der selbstständige Gedankenfluss wird behindert. Oftmals hatte ich aber das Gefühlt, dass eigenständiges Denken in der Schule und in der Gesellschaft nicht allzu erwünscht sind. Querdenker könnten nämlich für Probleme und Veränderungen sorgen. Dahingegen konnten meine Schüler am besten nachsprechen und abschreiben, was schon sehr bezeichnend ist!


Bildgalerie II - Menschen in Äthiopien:





Trotzdem hat mir die Arbeit in der Schule wirklich viel Spaß gemacht. Doch um ehrlich zu sein hätte mich die Schulleitung anders einsetzen können bzw. alles anders organisieren müssen. Doch ist Organisation oftmals ein Fremdwort. Wie dem auch sei, anstatt dass ich die Englischstunden des Direktors übernehme und dieser sich aus dem Unterricht zurückzieht, hätte ich eigentlich die Freizeitgestaltung mit den Schülern übernehmen können oder ich hätte mir die Arbeit mit dem Direktor teilen können und somit auch noch Zeit für andere Klassen und Aufgaben gehabt. Naja, Chance vertan...

Bildgalerie III - Kurios:


Insgesamt gesehen kann ich aber ein sehr positives Fazit meines Auslandsaufenthaltes ziehen. Ich habe nicht nur kulturell und beruflich etwas dazugelernt, sondern konnte vielleicht auch an einigen Ecken Veränderungen aufzeigen oder sogar ein paar Dinge positiv vorleben. Ich glaube, vor allem meine Schüler haben erkannt, dass Unterricht und Schule auch anders funktionieren kann. Ist dies nicht eigentlich auch das Kernelement der ‚Entwicklungshilfe’: Möglichkeiten aufzeigen sowie diese vorleben und nicht vorzuschreiben oder zu diktieren. Dann wären wir doch schon wieder bei Mission, die ich u.a. auch in Dembi kennengelernt habe und der ich recht ablehnend und kritisch gegenüberstehe. Hilfe darf nicht an Forderungen und die Annahme einer Religion gekoppelt sein, sonst kommen die Hilfsbedürftigen nie aus dem Teufelskreis heraus, verlieren ihre kulturelle Selbstständigkeit und machen sich abhängig von anderen, was natürlich oftmals im Interesse der Missionierenden ist.

Bildgalerie IV - Transportmöglichkeiten:





Des Weiteren habe ich jetzt nach meiner Rückkehr nach Deutschland auch noch die Möglichkeit über ein Thema zu Äthiopien und dem Stamm der Oromos zu promovieren. Hier gibt es viele unterschiedliche und interessante Themen, wie beispielsweise die Verbindungen der verschiedenen Völker innerhalb Äthiopiens zu den Oromos, die Rolle der 'Ormo Liberation Front' in der Gesellschaft der Oromos oder sogar ob eine allgemeine Schulpflicht, so wie wir sie kennen, ein Segen oder eher ein Fluch wäre? Fragen über Fragen...
Somit bleibe ich also auch weiterhin den Oromos und Äthiopien verbunden und wer weiß, vielleicht zieht es mich die Tage ja doch wieder dorthin, um für eine längere Zeit an einer äthiopischen Schule zu arbeiten und zu unterrichten. Als Tourist komme ich aber auf jeden Fall die Tage wieder, denn es gibt noch vieles für mich in Äthiopien zu entdecken und zu erleben.
Jedem der an einer Reise nach Äthiopien interessiert ist, kann ich nur empfehlen eine große Portion an Geduld in den Rucksack zu packen, denn sei es mit dem Auto oder mit dem Flugzeug, in diesem Land zu reisen ist nicht einfach und immer wieder mit neuen Hindernissen verbunden. Interessant und aufregend ist es aber allemal.
Soweit von mir. Ich danke allen meinen treuen Lesern und habe mich über eure vielen Blogeinträge sowie E-mails gefreut.
Seid ganz lieb von mir gegrüßt und ich wünsche euch allen einen guten Rutsch sowie ein erfolgreiches Jahr 2008:

Hanno



Ps.: Hier noch ein kurzes Video von meiner letzten Unterrichtsstunde. Viel Spap dabei!


Samstag, 15. Dezember 2007

 

Träumen

von Annegret Kronenberg


Versucht zu träumen.
Träume verhindern, daß wir
abstumpfen, müde werden.
In Träumen liegt Hoffnung,
und die besiegt das Grauen
des Alltags.



Samstag, 8. Dezember 2007

 

Heute hier, morgen dort

(Dieser Text wurde schon vor 1 Woche geschrieben):
Da ich mal wieder das “Baeumchen-wechsel-dich-Spiel” spiele und jetzt auch die letzten Tage fuer mich in Dembi angebrochen sind, moechte ich diesen Eintrag mit Hannes Waders Worten schliessen, das sie genau das ausdruecken, was ich momentan denke und fuehle. Dumemrweise hat Juliane nicht die erwuenschte Stelle am Uniklinikum in Aachen bekommen, sodas wir jetzt umplanen muessen. Eigentlich wollte sie die Tage nach Dembi kommen um mich zu besuchen, doch dies funktioniert leider auf Grund der ganzen Bewerbungsproblematik nicht, sodas auch ich schweren Herzens mich entschlossen habe, ein paar Tage frueher nach Hause zu kommen. Von hier aus sind solche Angelegenheiten naemlich wirklich schwer zu regeln. Wenn nicht sogar unmoeglich!! Freitag geht es bereits nach Addis und ob ich vor meinem Rueckflug nach Deutschland noch ein wenig im Norden herumreise (Gonder, Simien-Mountains, Axum und Lalibela), mache ich von meinem Gesundheitszustand abhaengig. Ein wenig angeschlagen bin ich noch immer. Ich werde euch auf dem Laufendem halten und jetzt viel Spass mit dem “Hannes”: Heute hier, morgen dort, bin kaum da muss ich fort, hab mich niemals deswegen beklagt. Hab es selbst so gewaehlt, nie die Jahre gezaehlt, nie nach gestern und morgen gefragt. Manchmal traeume ich schwer, und dann denk ich es waer, Zeit zu bleiben und nun was ganz anderes zu tun. So vergeht Jahr um Jahr und es wird mir laengst klar, das nichts bleibt, das nichts bleibt wie es war. Das man mich kaum vermisst, schon nach Tagen vergisst, wenn ich laengst wieder anderswo bin, stoert und kuemmert mich nicht, vielleicht bleibt mein Gesicht doch dem ein` oder andern im Sinn. Manchmal traeume ich schwer, und dann denk ich es waer, Zeit zu bleiben und nun was ganz anderes zu tun. So vergeht Jahr um Jahr und es wird mir laengst klar, das nichts bleibt, das nichts bleibt wie es war. Fragt mich einer warum, ich so bin, bleib ich stumm, denn die Antwort darauf faellt mir schwer. Denn was neu ist wird alt, und was gestern noch galt stimmt schon heut oder morgen nicht mehr. Manchmal traeume ich schwer, und dann denk ich es waer, Zeit zu bleiben und nun was ganz anderes zu tun. So vergeht Jahr um Jahr und es wird mir laengst klar, das nichts bleibt, das nichts bleibt wie es war. Liebe Gruesse an alle:
Hanno

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