Donnerstag, 25. Oktober 2007

 

Es ist viel passiert! (Ein Lagebericht)

Ich habe in den letzten Tagen viele Mails von Euch bekommen, die ich leider oftmals aufgrund der nicht zustande kommenden oder immer wieder abbrechenden Internetverbindung unbeantwortet lassen musste. Ein weiser Mensch hat mal gesagt: “In Afrika braucht man vor allem Geduld. In Aethiopien allerdings braucht man eine enorme Portion davon!” Bevor ich mich also wieder vor den Computer setzte, mindestens dreihundert mal versuche mich einzuwaehlen, um dann schliesslich 2 Minuten ins Internet zu kommen, versuche ich alle eure Fragen in einem Lagebericht mit Zwischenfazit zu beantworten. Da ich ja in ein paar Tagen auch “Bergfest” feiern kann, ist dies fuer mich eigentlich auch eine gute Gelegenheit die letzten 2 ½ Monate Revue passieren zu lassen. Seit meiner Ankunft hier ist ja auch viel fuer mich selber passiert.

Erst einmal aber die Neuigkeiten:

Eine der neusten Neuigkeiten mit der ich beginnen moechte, ist dass einer meiner zahlreichen Uebermieter mittlerweile mein Mitbewohner geworden ist. Eine Ratte hat sich dummerweise in meine Wohnung verirrt und findet meine Kueche so klasse, dass sie gar nicht wieder weg will. Ich hingegen finde ihre Anwesenheit nicht so prall, sodas ich ihr den Kampf angesagt habe. Ich fuehle mich schon wie Tom und Jerry und genauso wie Tom habe ich auch die letzten Schlachten immer wieder verloren und eins auf die Nuss bekommen. Auf meine gloreiche Idee mit der Mausefalle ist sie leider nicht hereingefallen, sondern schafft es immer wieder die Koeder zu fressen ohne den Mechanismus auszuloesen. Ganz schoen clever die Kleine! Auch den Braten mit dem vergifteten Brot hat sie gerochen und statt dessen meine Kartoffeln und das Kabel vom Ofen angenagt. Meine naechste Strategie war also alle Loecher in der Kueche mit Steinen zu stopfen. Doch entweder habe ich nicht alle gefunden oder sie nagt immer wieder neue. Naja, mein Nachbar Itaffa lacht mich schon aus. Er hat vermtlich den Kampf gegen die Nager in der Wohnung vor Jahren aufgegeben oder ihn nie begonnen, wimmelt es doch in seiner Kueche nur so von diesen Viehchern.

Mein letzter Einfall war nunmal die absolute Sauberkeit und alles was man so an Essen hat, ab in den Kuehlschrank stecken. Wer schonmal in Beth Uri oder in der ehemaligen WG der Einstein 10 war, weiss dass mich ein wenig Dreck nicht unbedingt stoert, doch hier ist die absolute Sauberkeit und der damit verbundene Nahrungsentzug fuer den laestigen Eindringling wohl die einzige Moeglichkeit doch noch den mir aufgezwungenen “Krieg” zu gewinnen.

Also habe ich mich heute mit Eimer und Lappen bewaffnet und mal so richtig geputzt. Ausserdem wartete auch noch ein Berg Waesche auf mich, da die letzten Tage die Wasserlieferung alles andere als zuverlaessig war. Zu allem Unnutzen hatte ich mir vor knapp einer Woche auch noch fast den Daumen beim Volleyball gebrochen. Das hatte mich sowieso von der Arbeit abgehalten.

Nachdem die Schule angefangen hat und alle Schueler von zu Hause zurueckgekommen waren, hatten wir einige richtig gute Spieler am Volleyballfeld und es hat richtig viel Spass gemacht sicht dort mit ihnen nach der Arbeit die Zeit zu vertreiben. Allerdings war einer von ihnen zu gut fuer mich und bei der Wucht seines Schmetterballs hat mein Daumen nachgegeben. Am naechsten Morgen ging es dann in das oertliche Krankenhaus zum roentgen. Doch zuvor wartete erst einmal das “von Pontius – zu Pilatus” Spiel auf mich. Insgesamt war es ein richtig schockierendes Bild was ich dort erblickte. Nicht das Roentgenbild (dort haette auch ein Blinder nichts drauf erkennen koennen!), sondern die ganze Situation vor Ort. So viele kranke Menschen und so wenig motiviertes Personal. Keiner schien sich fuer die Kranken zu interessieren. Sie wurden, so wie ich, von Raum zu Raum geschickt, wo sich immer wieder lange Schlsngen bildeten und wo man irgendeinen belanglosen Zettel in die Hand gedrueckt bekam, mit dem niemand etwas anfangen konnte. Vermutlich noch nicht einmal der Arzt selber, wenn man ihn denn ueberhaupt zu Gesicht bekam. Ich habe keine Ahnung wie dieses Krankenhaus funktioniert, es machte aber auch nicht den Eindruck, dass es dies ueberhaupt tun wuerde.

Meinem Daumen geht es mittlerweile wieder besser. Die Schwellung hat nachgelassen, alle Bewegungen sind aber noch nicht schmerzfrei moeglich. Immerhin kann ich wieder schreiben und somit auch die Tafel im Unterricht benutzen. Ohne dieses Hilfsmittel ist es schon ganz schoen anstrengend und viele andere Medien stehen einem hier nicht zur Verfuegung. Ach doch, es gibt noch eins und ich war ganz erstaunt als es mitten im Unterricht losging. Eine von Addis aus gesteuerte Radiosendung ertoent hin und wieder mal fuer einige Minuten. Eine kaum hoerbare Stimme brummt auf Englisch etwas vor sich hin und die Schueler sollen anschliessend den Lehrer mit Fragen loechern. Da aber nicht einmal ich den Sprecher verstehen kann, ist diese Art des Unterrichts auch fuer die Katz. Bin ich sonst immer froh wenn ELPA Strom liefert, habe ich in der Schule kein Problem mit einem Stromausfall, dann gibt es naemlich auch keine Radiosendung.

Auch wenn einige Bedingungen an meiner Schule zu wuenschen uebrig lassen, bin ich doch sehr zufrieden und das Unterrichten macht noch sehr viel Spass. Gestern war ich naemlich mit Martin bei seinem Entwicklungsprojekt in Lalokile. Dort haben wir auch eine “Dorfschule” besucht. Das Gebaeude bestand halb aus Holz und halb aus Lehm. Fenster waren Mangelware. Im Klassenraum selber gab es eine winzige Tafel und ein paar Baenke, die aber auf keinen Fall fuer 80 bis 100 Schueler reichten und die Masse somit mit dem Fussboden vorlieb nehmen musste. Tische waren keine vorhanden. Da hab ich es mit meiner Schule schon richtig gut getroffen!

Ich wollte eigentlich eine lustige Bilderreihe meiner 7. Klasse schicken, wie sie anfaenglich diszipliniert an ihren Baenken sassen, dann aber doch immer enthusiastischer wurden als sie die Kamera sahen. Eins konnte ich ja gluecklicherweise hochladen.

Manchmal denke ich mir wirklich, dass ein Sack voll Floehe einfacher zu hueten ist als eine Klasse mit 80 Schuelern. Beides habe ich ausprobiert! Mein Fazit ist uneindeutig. Kaum denkt man, alle Schueler sind ruhig und hoeren zu, fangen einige schon wieder an zu reden. Naja, wer kann es ihnen veruebeln, waren wir alle doch mal so.

So ist es aber auch mit den Floehen. Kaum ist man sie los, faengt man sich in irgendeinem Gedraenge von Mensch und Tier wieder welche ein. Was soll man da bloss machen?

Meinem Magen geht es seit langem gut. Er hat sich wunderbar auf das aethiopische Essen umgestellt. Wobei es mich trotzdem manchmal verwundert, dass er bei manchem was ich so esse nicht wieder anfaengt zu rebellieren. In den letzten Tagen wurde ich auch immer wieder von Martin, Angela, Elke, Michel, Mike und Janell zum Essen eingeladen, wo ich dann europaeische Spezialitaeten wie Pizza oder Kohlrouladen geniessen konnte.

Ueber die zuvor genannten Personen habe ich auch einen Einblick in die Arbeit und das Leben von Entwicklungshelfern bekommen. Sehr interessant kann ich nur sagen, oft aber auch frustrierend. Ist Entwicklungshilfe doch “Hilfe zur Selbsthilfe”, kann es einem schon ganbz schoen an die Nieren gehen, wenn Leute diese Hilfe nicht annehmen oder sie sogar boykottieren. Manche Entwicklungshilfe scheint auch ganz vor den Baum zu laufen. So ist es aber doch immer schoen die Fruechte der hier ansaessigen Entwicklungshelfer zu sehen. Wer weiss, vielleicht reizt Juliane und mich ja so etwas auch mal?!

Eins habe ich aber gemerkt, so etwas sollte man fuer eine lange Zeit nicht unbedingt alleine machen. Auch wenn ich hier schon einige nette Leute kennen gelernt habe und ich einen guten Draht zu den Deutschen und Amerikanern hier habe, die mir auch immer bereitwillig helfen, fuehlt man sich doch manchmal ganz schoen alleine. (Mal abgesehen von laestigen Mitbewohnern!). Vor allem wenn es draussen mal wieder wie aus Eimern giesst und man nichts anderes machen kann als ein Matschbad zu nehmen. Die Einsamkeit kann manchmal aber auch schoen sein. Man hat endlich mal Zeit, jenseits jeder Ablenkung, ueber viele Sachen nachzudenken oder die wunderschoene Flora und Fauna zu geniessen. Meist wird aber diese Ruhe von irgendjemandem unterbrochen der mich gesehen hat und mich mit einem lautem “Ferenjii! Where are you go?” begruesst.

Bezueglich der Zukunft wird mich mein Weg nach Aethiopien vermutlich zurueck in die Heimat fuehren. Ich habe naemlich eine Referendariatsstelle in Aachen angeboten bekommen. Will ich nur noch hoffen, dass meine Freundin Juliane dort auch noch einen Platz an der Uniklinik bekommen wird. Wollen wir ihr mal die Daumen druecken!

Abschliessen moechte ich noch mit ein paar Worten zu meinem Gemuehtszustand, der sich von absoluter freude, ueber Traurigkeit bis hin zur Verzweilung erstreckt.

Freude ueber die vielen schoenen Erfahrungen die ich hier machen darf, die vielen netten und gastfreundlichen Menschen, die einem mit ihrem entzueckendem Laecheln bezaubern koennen, den Spass bei der Arbeit und die allabendliche Afrikaromantik, wenn der blaue Himmel sich mit seinen grossen strahlend weissen Wolken in ein himmlisches rot faerbt und die Lanschaft traenkt.

Traurigkeit darueber, dass es vielen Menschen hier so schlecht geht und Armut oftmals das Bild praegt. Maenner in der bruetenden Sonne auf einem Steinhaufen sitzen und diesen mit einem Haemmerchen bearbeiten. Frauen barfuss eine schwere Last an Feuerholz oder Wasser schleppen und Kinder in Lumpen herumlaufen und niedere Arbeit machen muessen.

Verzweiflung, weil es mir so gut geht und ich nicht weiss wie man helfen kann. Werde ich doch oft auf Spenden angesprochen, doch erstens habe ich davon auch nicht so viel das ich jedem etwas davon geben koennte, noch glaube ich, dass Geld hier das Allheilmittel waere. Auch wenn viele dies hier annehmen. Es muesste eigentlich an der Struktur der Gesellschaft gearbeitet werden.

Was hat mir das ganze dann bis jetzt gebracht?

Kulturell brauche ich die Vorteile wohl nicht aufzuzaehlen. Liegt dies doch klar auf der Hand. Beruflich lerne ich hier vieles wie man es nicht machen sollte. Dennoch habe ich die Moeglichkeit mich mal auszuprobieren, verschiedene Lehrmethoden anzuwenden und einfach mal ohne grosse Zwaenge und Vorschriften in die Rolle des Lehrers zu schluepfen, nachdem ich an der Uni alles theoretisch lernen durfte. Dabei hoffe ich natuerlich auch den einen oder anderen Schueler zu erreichen und ihm oder ihr die englische Sprache mal etwas anders beizubringen. Naemlich als Kommunikationsmittel und nicht nur als etwas was man von der Tafel abschreiben oder nachsagen kann. Sprachlich ist es natuerlich auch gut taeglich auf Englisch zu kommunizieren.

Persoenlich lerne ich aber wohl am meisten. Das einfache Leben schaetzen zu lernen, ohne grossartigen Luxus. (Was bleibt mir denn auch anderes uebrig?) Man erkennt aber auch wie abhaengig man von vielen Errungenschaften der westlichen Welt ist und wie selbstverstaendlich man vieles in Deutschland nimmt. Dazu gehoert nicht nur, dass man den Fernseher anmachen kann wann man will oder das Internet mit einer super schnellen Leitung benutzen kann, sondern auch das man immer etwas zu trinken und zu essen bekommt, wenn man Durst oder Hunger hat. Man lernt das Leben in Deutschland somit wieder zu schaetzen. Man lernt hier aber auch Vorausplanung, denn man muss jederzeit mit allem rechnen! (Wobei ich aber immer noch dieselben doofen Fehler wie am Anfang mache!)

Es gibt noch so viel mehr das ich auf- oder erzaehlen koennte. Fuer heute belass ich es aber erst einmal hierbei. Sonst habe ich die Tage nichts mehr zu berichten.

Ich hoffe, dass ich eure Fragen beantworten konnte. Wenn nicht, fragt einfach nochmal nach und ich werde beim naechsten Eintrag darauf eingehen.

In diesem Sinne liebe Gruesse:

Hanno

Ps.: Hallo Ramon,

Dir wuensche ich am Montag den 22.10. einen wunderbaren Geburtstag und das alle Deine Wuensche in Erfuellung gehen. Weiterhin viel Spass und Erfolg bei Deiner Diplomarbeit. Liebe Gruesse auch an Chris und Deine Familie:

Hanno

Pps.: Hallo Bettina,

Dir drueck ich ganz doll die Daumen fuer die Promotion. Gruess doch auch Deine Familie ganz lieb von mir:

Hanno

Pps: Tut mir leid, dass ihr so lange nichts von mir gehoert habt. Das Internet funktioniert gerade aber kaum. Dies wird sich die tage auch kaum aendern. Schaut doch immer mal wieder auf die Seite. Liebe Gruesse:

Hanno

Kommentare:
Moin Hanno.

Ersteinmal Danke fuer die Geburtstagsgruesse. Freut mich, dass Du dran gedacht hast.
Auch ein sehr anschaulicher und Informativer Eintrag, den Du diesmal verfasst hast. Besonders Dein Bericht ueber die Ratte. Da fiebert man ja richtig mit Dir mit. Obwohl, bei Deinem Vergleich mit Tom und Jerry, da hielt man es ja meistens eher mit der Maus, statt mit dem Kater...
Dann hoffe ich mal, dass Du ein angenehmes Bergfest feierst (oder wohl schon gefeiert hast) und sage mal bis zum naechsten Kommentar auf einen kommenden Eintrag deinerseits.

Gruss

Ramon
 
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